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„Piratenpartei löst sich auf“


Das war’s. Die Piratenpartei gibt es nicht mehr.
Wirklich. Nach all dem, was im Moment vorfällt, wundert das auch keinen.
Die Presse meint es auch nicht mehr gut mit uns. Wenn wir selbst die als Partner verloren haben, ist es vorbei.
Wir brauchen gar nicht mehr versuchen, irgendwelche Kinder aus Brunnen aller Art zu retten.
Aber ich sammele mich. Und beginne von vorn.

„Ich nehme Wetten an, wann die Piraten wieder unter 5% liegen!“

Ist man im Moment auf Twitter unterwegs, gibt den Hashtag „Piraten“ und/oder „Gate“ ein, wird man köstlich unterhalten.
Entweder geht es um eine fragwürdige Pressemitteilung zum Thema „Bundeswehreinsätze im Innern“, ein noch fragwürdigeres „Johannes Ponader BGE-Topic „oder, das fragwürdigste überhaupt: Eine Abmahnung des stellvertretenden Bundespressesprechers, Gero Preuhs, die sich gegen den Urheber eines Flyers der pirateninternen Gruppe „Nuklearia“ richtet. Die Umstände des letzteren Problems sollten spätestens heute präsent sein. Falls nicht lässt sich das hier ändern.
Nachdem es aber bereits gefühlte 42.000.000 Blogposts zu dem Problem an sich gibt und das Gate ja heute, an Tag 2, eigentlich schon fast zum alten Eisen gehört, will ich doch etwas anderes ansprechen, als umstrittene Positionen zur Beschneidung von Kindern, das Tacheles in Berlin, oder die Frauenquote beim Kraftfahrzeugsservice des Bundesministeriums für Umwelt. Es geht dabei eher um den Umgang mit Problemen. Denn Aussagen von Mitgliedern wie „Ich nehme Wetten an, wann die Piraten wieder unter 5% liegen!“ sind dabei eigentlich das irgendwie wesentlichere Problem. Finde ich.

„Die Ideale sind weg! Die Partei ist wie alle anderen geworden!“

Resignation, Wut, Zorn, eine gewisse Portion Trauer. Würde man ein psychologisches Profil der Twitter-Timeline eines durchschnittlichen Piraten erstellen, würde man ihr entweder „Burn out“ oder „ADHS“ attestieren. Beides wäre gerechtfertigt, letzteres aber nur weil es im Trend liegt. Ausgebrannt ist sie aber in der Tat, weil es immer die gleichen Stimmen sind, die das Ende der Piratenpartei nach genau diesem (1!!!11!) Vorfall heraufbeschwören. Entweder es geht darum, dass die Leute abspringen oder die Partei nicht mehr wählbar ist oder ein durch außerirdisches Leben hervorgerufener Galaxien-Krieg über die Erde hereinbricht, weil die Piraten sich mit Anonymous verkracht haben – und die haben ja bekanntlich Connections. Überall hin. Aber, um bei der Psychologiemetapher zu bleiben, was die Timeline nicht benötigt sind Unmengen an Diazepam, Mirtazapin oder anderen, total kompliziert klingenden Medikamenten, sondern schlicht eine gewisse und nüchterne Aufarbeitung ihrer Probleme. Quasi eine „Tiefentherapie“. Und die können ihr nur alle zukommen lassen, die direkt mit ihr zusammenarbeiten. Ihre Nutzer, quasi.

„Aber wenn wir das jetzt totschweigen!“

Wenn wir etwas totschweigen, welches der oben in Vielzahl angeführten Probleme auch immer, bringt das gar nichts. Nichts für (respektive gegen) die Presse, nichts gegen andere Parteien, nichts gegen die Nuklearia aber vor allem: Nichts für unsere politische Daseinsberechtigung. Und da beginnt das Problem, irgendwie. Ich habe den Eindruck, dass es in der Partei noch immer Mitglieder gibt, die sogar selbst davon überzeugt sind, dass die Piratenpartei auf der politischen Bühne eigentlich nichts verloren hat und nur dem Protest der vielen, politikverdrossenen Bürger dient. Ob man es wahrhaben will oder nicht, doch, wir sind eine Protestpartei. Wayne? Ist Protest gegen ein etabliertes System nicht auch ein politisches Statement? Man muss sich aber auch vor Augen führen, dass wir sehr, sehr viel erarbeitet haben. Und dazu gehören nicht nur „Nyancat“, „Ponytime“ und „Bällebad“. Ich werde jetzt sicher keine regionalen Erfolge im Wiki suchen, bei dem Piraten einen kommunalen Transparenzantrag für irgendwelche Sitzungen durchgeboxt haben. Was ich aber wohl anführen will sind Dinge wie: Eine laufende Urheberrechtsdebatte. Eine breite und tiefe Diskussion zum Thema Bildung und deren Finanzierung. Das Anregen basisdemokratischer Elemente, die mittlerweile beinahe jede (!) Partei mehr oder weniger erfolgreich versucht umzusetzen. Und eine sagenhafte, wenn auch nicht immer nur positive, Resonanz bei dem ideologischen Grundsatz, dass jeder der will, auch Politik machen darf und sie aktiv mitgestalten kann.
Will sagen: Doch! Wir haben auf der politischen Bühne was verloren! Und was mich dabei manchmal mehr ärgert, als irgendwelche „Gates“, sind Polemiker, die sich scheinbar darauf spezialisiert haben, wenig professionell mit Problemen umzugehen. Ich meine damit noch nicht mal die üblichen X Piraten (X>200), die sich zur Aufgabe gemacht haben mit präpubertären Trolleinlagen die gesamte Partei eines besseren belehren zu wollen, sondern die, die bei jedem Mist eine gesamte Ideologie in Frage stellen.

„#TWOFF! Ich geh jetzt ECHTE Piraten treffen!“

Wenn man Ideale, Ziele, Motivation und Handlungsfähigkeit innerhalb der Partei vermisst, bleibt für mich nur ein Schluss zu ziehen: Man kann in diesem Fall nur zu wenig aktiv sein. Mit aktiv meine ich nicht das Befüllen von Timelines, nicht das stundenlange Diskutieren auf Mailinglisten über das Thema „Bilderberger“ und auch nicht das Entwerfen irgendwelcher bekloppten Festivalpläne für 2014. (Um letzteres zu erklären: Ich habe das mal versucht. Ich trollte mich selbst) Ich will die Wichtigkeit der eben angesprochenen Instrumente nicht in Abrede stellen – im Gegenteil. Sie sind wichtig, sie dienen der Kommunikation und der Vernetzung (mein Unwort des Jahres). Sie motivieren aber nicht und bringen kaum bis keinen spürbaren Erfolg. Auf einem Infostand zu stehen, jemandem zu erklären, warum die GEMA gerade nicht so cool ist oder warum Studiengebühren eben nicht für bessere Bildung aller sorgen, kann nicht nur anstrengend sein, sondern auch sehr motivierend. Denn die Reaktion ist sehr häufig durchaus auch ein „Oh, das hab ich nicht gewusst“ oder ein „Mensch, ich find gut, dass Sie das machen“. Das ist in der Tat motivierender als zum 400 mal zu lesen, dass die „Piratenpartei kentert“. Die nautischen Vergleiche werden btw auch nicht besser, wenn man sie zur Dekonstruktion der Partei verwendet. Motivierend können auch Stammtische sein. Oder Treffen zum Grillen. Motivierend sind auch Gespräche miteinander, in denen man über die eigenen Ideale sprechen darf und einem zugehört wird. Denn man macht Politik in der Regel, um seine Ideale zu vertreten. Oder? Ich werde mich auch an der eigenen Nase packen. Denn ich bin auch manchmal ein elender Pessimist. Und ich finde die Piraten auch manchmal alle doof. Aber ich kenne Piraten, bei denen 9 von 10 Idealisten sind. Und auch bei Misserfolgen und Problemen nicht immer gleich die Flinte ins Korn werfen wollen. Und soll ich euch noch was sagen? Ohne Piraten fände ich alles noch viel doofer.

LG

Pinny

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Ein Kommentar zu “„Piratenpartei löst sich auf“

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